Segeltörn 2018 – Ein Erlebnisbericht von Mitsegler David
Segeltörn 2018 – Ein Erlebnisbericht von Mitsegler David
Von: Lebensdurst-Ich e.V.,Kommentare deaktiviert für Segeltörn 2018 – Ein Erlebnisbericht von Mitsegler David

Lebensdurst-ICH Segeltörn 2018

Den Höhepunkt des Vereinsjahres stellte auch 2018 der einwöchige Segeltörn dar, der wieder in Zusammenarbeit mit CLIPPER DJS e. V. organisiert wurde und diesmal in Rostock startete. Ein Erlebnisbericht von David Blum für Lebensdurst-ICH e. V.

Nach Bornholm geht’s diesmal nicht, eröffnet Kapitän Heino Bauer der enthusiastischen, lebensdurstigen Crew, als wir an Bord der „SS Johann Smidt“ eintreffen – der Wind steht dafür nicht günstig. Und wie alle Segelschiffe, braucht ihn auch die „Johnny“, wie sie liebevoll genannt wird, um unter Segel Fahrt aufzunehmen. Nicht, dass uns dieser klitzekleine Umstand davon abhielte, eine fantastische Woche auf See zu verbringen. Nach Kopenhagen und, wenn wir es schaffen, auf die schwedische Insel Ven soll es stattdessen gehen. Für uns ist das auch in Ordnung, denn die Ostsee ist in diesem Rekordsommer in jedem Fall einer der angenehmsten Aufenthaltsorte Europas.

Die Crew, bestehend aus über 30 Vereinsmitgliedern, Betroffenen und ehemaligen Betroffenen hat ihre Reise natürlich bereits viel früher begonnen, nämlich am Morgen des 21. Juli am Kölner Hauptbahnhof. Gepäck, Medi-Kiste und ein Rollstuhl sind per Helferkette rasch in den Zug nach Rostock verladen worden, der sich bei seinen diversen Halten stets weiter mit Vereinsmitgliedern füllte. Und so scheint die informationsreiche Begrüßungsansprache des Kapitäns an Bord der „Johann Smidt“, in der wir dazu eingeladen werden, das Schiff kennen zu lernen und uns mit den Sicherheitsbestimmungen vertraut zu machen bereits wie ein erstes erreichtes Ziel.

Bald ist das Gepäck verstaut, sind die Kajüten bezogen und alle Einkäufe erledigt: Leinen los! Und als die „Johnny“ in gemütlichem Tempo aus dem Rostocker Stadthafen tuckert, kommt Stimmung auf. Die erste Nacht ankern wir außerhalb von Rostock, erst am Morgen geht es richtig los. „Anker auf“ ist natürlich ein „all Hands“ Manöver, da müssen alle an Deck. Wecken um 6:00h durch die Ankerwache der vorherigen Nacht – fürs Zähne putzen ist später noch Zeit. Da Steffi, unser Smutje natürlich längst wach ist, kriegt der frühe Vogel sogar noch einen Schluck Kaffee, eh es raus geht. Erste Runde: Bug in den Wind, damit Vor- und Gaffelsegel gesetzt werden können. Die drei Wachmannschaften wechseln sich ab jetzt in der Führung des Schiffes ab. Und während eine Wache fiert, holt, andirkt und belegt (Jargon lernt sich schnell, wenn damit körperliche Anstrengungen einher gehen), geht es für die anderen zum Frühstück.

Zwar verfügt die Johnny über drei Duschen, jedoch ist der Rumpf aus Stahl, welcher auch bei Nacht nur wenig abkühlt… Bei stattlichen 30°C macht sich die körperliche Ertüchtigung an Bord im Sommer 2018 ganz gut bemerkbar. Und nach ein paar Tagen an Bord kennen wir uns alle schon recht gut. Aber ob es das Aroma von Mensch auf engem Raum, der Duft von angebratenen Zwiebeln mit einer Spur Dieselmotor ist: die Seeluft schmeckt immer nach Abenteuer.

Als wir am 3. Tag in den Hafen von Kopenhagen einlaufen, sind alle an Deck. Wenige von uns haben die Stadt je bei so gutem Wetter erlebt – viele sehen sie zum allerersten Mal. Und natürlich winken wir den Einheimischen, Touristen und Kindern gerne zurück, die uns vom Ufer „Langelinie“ her grüßen – wir wissen schließlich: sie ist schon ein stolzer Anblick, „unsere Johnny“. Im Hafen der dänischen Hauptstadt ist das Wasser so sauber, dass man ohne Bedenken darin schwimmen kann. Das lassen wir uns natürlich nicht zwei Mal sagen. Als wir nach dem Mittagessen an Land gehen, werden unterschiedliche Richtungen eingeschlagen. Viele zieht es in die legendäre, nahe gelegene „Freistatt Christiania“. Kommunenleben und alternative Lebensmodelle, kombiniert mit einer

lebhaften touristischen Szene, veganes Essen der Spitzenklasse und Bier der Marke „Christiania“ sorgen für ein unvergessliches Erlebnis und eine Menge Stoff für Erzählungen.

„BOJE ÜBER BORD!“ ertönt der Ruf, als wir am folgenden Tag die Insel Ven ansteuern… Hm, heißt es im Film nicht immer „Mann über Bord“? Na klar, das ist die traditionelle Warnung. Aber sie ist diskriminierend und da geht selbst die Traditionsschifffahrt mit der Zeit: „Person über Bord“ heißt das nun – „Boje“ anstatt Person, weil es sich um eine Übung handelt. Aber für diese Überlegungen ist natürlich überhaupt keine Zeit. „Johanna ans Ruder“, befiehlt die wachhabende, angehende Steuerfrau Carina, deren Aufgabe es in diesem Moment ist, das Schiff schnellstmöglich zur gefährdeten Person (Boje) zu manövrieren, ohne sie jedoch mit dem Rumpf zu treffen. Aber auch alle anderen haben ihre bereits festgelegten Aufgaben zu erfüllen. Die meisten Crewmitglieder beobachten und zeigen der Steuerfrau kontinuierlich die Richtung des Ziels mit dem Arm an. Andere vollziehen Segelmanöver (nur, dass wir grade nicht unter Segel sind), wieder andere haben für spezielle Aufgaben parat zu stehen. Zweimal wird die Übung an diesem Morgen vollzogen, beim zweiten Mal unter dem Kommando des Steuermannsanwärters Christoph. Insgesamt kann dies ein sehr interessantes und aufregendes Manöver sein – diesmal natürlich simuliert uns der Rekordsommer optimale Rettungsbedingungen: spiegelglatte See, kaum Wind und eine Crew, die sich seit Tagen in erster Linie entspannt. Niemand muss sich also zu sehr um die arme Boje sorgen…

Als sich die Johann Smidt nach einigen Tagen wieder Warnemünde und dem Stadthafen von Rostock nähert, haben wir viele schöne Erinnerungen im Gepäck. Nicht nur an die Zeit auf See und das Gefühl von Abenteuer, sondern auch an die Orte, die wir besucht haben. An den „Shuttleservice“, bei dem die „Gummisau“ (das Schlauchboot) dazu verwendet wurde, um die Crew von Bord auf die Insel Ven zu schiffen. An den Besuch am Strand und die Kirche auf dem Hügel, von dem aus Dänemark und Schweden zu sehen sind. Oder an den Mond, der sich des Nachts auf dem Wasser spiegelt, während sich das leise Tuckern des Dieselmotors mit den Gitarrenklängen von achtern vermischt.

Beim Einlaufen in Rostock passieren wir mehrere Kreuzfahrtschiffe: riesige, schwimmende Städte, deren schmale Balkone, zu dutzenden aneinander gereiht, ein wenig an Massentierhaltung erinnern. Und anstatt Seilen und Tampen gibt es nur eine Reling aus Stahl und Glas. Anstelle von Wind und Wetter die Klimaanlage der Suite und die Bord-Kinos.

Vermutlich haben wir alle unterschiedliche Dinge auf diesem Törn gelernt oder erfahren. Doch diejenigen, die sich in diesem Moment anschauen sind sich wortlos einig: es gibt nur eine vernünftige Art zur See zu fahren.

Text: D. Blum